International Action Center

Anonym 13.09.2001 08:32 Themen: Weltweit
Erklärung aus den USA (I)
International Action Center:

Diese Erklärung wurde von New York City aus verfaßt. Jeder hier ist von den Ereignisse
am Dienstag zutiefst betroffen worden. Das International Action Center bekundet seine
herzliche Anteilnahme allen, die liebe Angehörige verloren haben, wie auch den Tausenden
von Arbeitern, die heute im unteren Manhattan waren.

Während in diesem Augenblick Tausende von Familien um Tod und Wunden ihrer Lieben
trauern, ist die Bush- Regierung schon dabei, aus den tragischen menschlichen Verlusten
ihren Vorteil zu schlagen, um die Kräfte der Repression aufzurüsten und gleichzeitig den
Kriegskurs des Pentagon, besonders im Nahen Osten, zu intensivieren.

Arabische und muslimische Menschen in den Vereinigten Staaten berichten, daß sie in
ihren Wohngemeinden, am Arbeitsplatz und in Moscheen rassistischen Belästigungen
ausgesetzt sind. Der anti-arabische Rassismus ist ein Gift, das entschieden zurückgewiesen
werden sollte. Wir rufen alle dem Rassismus Widerstand leistenden Menschen dazu auf,
mit der arabisch-amerikanischen Gemeinde angesichts dieser reaktionären Raserei
Schulter an Schulter zu stehen.

Nach der Bombardierung des Bundesgebäudes in Oklahoma City 1995 waren die
US-Regierung und die Medien schnell bei der Hand, über die Verantwortung arabischer
und muslimischer Organisationen zu spekulieren; tatsächlich war, wie jeder weiß, der
rechtsextreme Armeeveteran Timothy McVeigh dafür verantwortlich zu machen.

Das International Action Center beschwört alle Kriegsgegner und fortschrittlichen
Menschen, äußerst wachsam zu sein im Widerstand gegen die Pläne der Bush- Regierung
und des Pentagon, diese Krise als Sprungbrett für eine neue Runde der Aggression gegen
die Dritte Welt, insbesondere gegen die Menschen des Nahen Ostens, auszunutzen.

Im August 1998 richtete das Pentagon mörderische Cruise-Missile-Luftschläge gegen eine
pharmazeutische Fabrik im Sudan ohne irgendwelche Beweise, angeblich zur Vergeltung
für die Bombardierung der US-Botschaft in Kenia. Die Cruise Missiles zerstörten die Al
Shifa Arzneimittelfabrik, die den Großteil des Sudan mit Medikamenten versorgte.
Tausende afrikanische Menschen gingen als direkte Folge der Bombardierungen des
Pentagon zugrunde.

Präsident Ronald Reagan befahl die Invasion in Grenada in der Karibik, kurz nachdem
eine Lastwagenbombe in der Nähe eines US-Marinestützpunktes im Libanon 1983
explodierte. Unter Bush senior wurden 2 000 Einwohner Panamas mitten in der
Weihnachtsnacht 1989 unter dem Vorwand des Krieges gegen Drogen getötet. Wegen
einer Explosion in einer Diskothek in Deutschland 1986, für die zunächst auf Syrien, Iran
und einige palästinensische Organisationen gezeigt wurde, bombardierten US-Flugzeuge
Tripoli und Benghazi in Libyen. Hunderte von Zivilpersonen, darunter Kinder, starben im
Schlaf, als die US-Luftwaffe diesen heimtückischen nächtlichen Überfall ausführte.

Wir bitten Aktivisten und Menschen dieses Landes, sich für Proteste gegen neue
Pentagon-Aggressionsakte im bevorstehenden Zeitabschnitt bereit zu halten. Die
Bush-Regierung will die gegenwärtige Krise ausnutzen, um eine weitere Erhöhung des
Kriegshaushalts des Pentagon zu rechtfertigen, und zwar zu Lasten der Mittel für
Wohnung, Erziehung, Gesundheit, Arbeitsbeschaffung und andere menschliche
Bedürfnisse.

Landesweit riegeln nun Militär, FBI und örtliche Polizei weite städtische Gebiete ab,
blockieren Brücken, Tunnel und Straßen und mobilisieren eine massive Präsenz von Polizei
und Nationalgarde. All dies zeigt ein fortgeschrittenes Stadium der Planung für
innenpolitische Repression, die gegen fortschrittliche Bewegungen und Arbeitskämpfe
sowie gegen die Bevölkerung der Schwarzen, Latinos, Asiaten, Araber und andere
unterdrückte Gemeinschaften eingesetzt werden kann.

Um so mehr besteht Grund zum Widerstand gegen die derzeitigen Anstrengungen, unter
dem Deckmantel der laufenden Krise die polizeilichen Maßnahmen zu verschärfen.

Die Menschen von New York City und des ganzen Landes dürfen der Bush-Regierung
und dem Pentagon nicht gestatten, mit den echten Gefühlen des Schocks und Zweifels ihr
Spiel zu treiben, um reaktionäres Verhalten aufzustacheln und die Kräfte der Repression
zu stärken. Damit ist nicht den arbeitenden und unterdrückten Menschen dieses Landes
oder irgendeines Landes geholfen.

Die einzige Antwort auf die Ereignisse besteht darin, den Familien und Freunden derer, die
im World Trade Center und Pentagon zugrunde gingen oder verwundet wurden,
Solidarität zu erweisen, globale Solidarität mit Menschen zu schaffen, die weltweit gegen
Krieg, Armut und Ausbeutung kämpfen, und die Bewegung des Protestes gegen neue
Aggressionsakte des Pentagon zu vertiefen.

In diesen Minuten, in denen wir das hier schreiben, herrscht in den Straßen das Gefühl
eines Belagerungszustandes: Alle Brücken, Tunnel und U-Bahnen sind geschlossen und
Zehntausende gehen langsam die Straßen hinauf Richtung Norden, fort aus Lower
Manhattan. Während wir im Büro der War Resisters League (Liga der Kriegsgegner)
sitzen, sind unsere unmittelbaren Gedanken bei den Hunderten, wenn nicht Tausenden
New Yorkern, die ihr Leben im zusammenbrechenden World Trade Center verloren. Der
Tag ist klar, der Himmel blau, aber große Wolken türmen sich über den Ruinen, in denen
so viele den Tod gefunden haben, einschließlich einer großen Zahl von Helfern, die am Ort
waren, als die Türme endgültig in sich zusammenfielen.

Wir wissen natürlich, daß unsere Freunde und Mitarbeiter in Washington D.C. ähnliche
Sorgen um die Menschen haben, die in dem Teil des Pentagons gefangen
sind, der ebenfalls von einem Jet getroffen wurde. Und wir denken an jene unschuldigen
Passagiere, die in den gekaperten Maschinen saßen und mit in den Untergang gerissen
wurden.

Wir wissen noch nicht, wer die Anschläge begangen hat. Wir wissen aber, daß Yassir
Arafat sie verurteilt hat. Wir zögern, eine ausgedehnte Analyse vorzunehmen - solange, bis
nicht mehr Information zur Verfügung steht, aber einige Dinge sind klar: Für die
Bush-Regierung bedeuten diese Ereignisse, daß Hunderte Milliarden Dollar für das Star-
Wars-Programm auszugeben nichts als ein Vorwand ist, wenn Terrorismus so leicht die
Routine-Vorkehrungen durchbrechen kann.

Wir fordern den Kongreß und George Bush auf, daß wie auch immer die Antwort die die
Vereinigten Staaten entwickeln, klar sein muß, daß diese Nation nicht länger zivile Ziele
angreift und jede Politik, egal von welchem Staat, die zivile Ziele angreift, nicht länger
akzeptiert. Das bedeutet ein Ende der Sanktionen gegen den Irak, die Hundertausende
Zivilisten das Leben gekostet haben. Das würde nicht nur die Verurteilung des
palästinensischen Terrorismus bedeuten, sondern auch der israelischen Politik der Morde
gegen die palästinensische Führung und die gnadenlose Unterdrückung der
palästinensischen Bevölkerung sowie der andauernden Besetzung der West Bank und des
Gaza-Streifens.

Die militaristische Politik der Vereinigten Staaten hat Millionen Tote gekostet, von der
historischen Tragödie des Indochina-Krieges über die Finanzierung von
Todesschwadronen in Mittelamerika und Kolumbien bis zu den Sanktionen und
Luftschlägen gegen den Irak. Diese Nation ist der größte Lieferant »konventioneller
Waffen« in der Welt - und diese Waffen heizen die schlimmsten Formen von Terrorismus
an, von Indonesien bis Afrika. Die frühere Politik der Unterstützung des bewaffneten
Widerstandes in Afghanistan hat zum Sieg der Taliban geführt - und Osama bin Laden
hervorgebracht.

Andere Regierungen haben eine ähnliche Politik verfolgt. Wir haben in den vergangenen
Jahren die Aktionen der russischen Regierung in solchen Gebieten wie Tschetschenien
verurteilt, ebenso wie die Gewalt beider Seiten im Nahen Osten und auf dem Balkan.
Aber unsere Nation muß die Verantwortung für ihre eigenen Taten übernehmen. Bisher
haben wir uns in unseren Grenzen sicher gefühlt. An einem klaren, kühlen Tag
aufzuwachen und unsere größte Stadt im Belagerungszustand vorzufinden, erinnert uns
daran, daß in einer Welt voller Gewalt niemand sicher ist.

Laßt uns ein Ende des Militarismus suchen, der dieses Land seit Jahrzehnten
charakterisiert hat; laßt uns eine Welt suchen, in der Sicherheit durch Abrüstung,
internationale Zusammenarbeit und soziale Gerechtigkeit erreicht wird - und nicht durch
Eskalation und Zurückschlagen. Wir verurteilen ohne Vorbehalt Angriffe wie den heutigen,
die Tausende Zivilisten treffen - mögen diese tiefen Tragödien uns an die Auswirkungen
erinnern, die die US-Politik auf andere Zivilisten in anderen Ländern hat. Wir sind uns
besonders der Angst bewußt, die Menschen mit Herkunft aus dem Nahen Osten haben
mögen, die in diesem Land leben, und rufen auf, die Sorgen dieser Gemeinschaft ernst zu
nemen.

Wir leben in einer Welt. Wir werden entweder in Angst und Terror leben, oder wir suchen
friedliche Alternativen, Konflikte zu lösen, und eine gerechtere Verteilung der Ressourcen
der Welt. Während wir um die Vielen trauern, die ihr Leben ließen, verlangen unsere
Herzen Versöhnung, nicht Rache.

Dies ist keine offizielle Stellungnahme der War Resisters League, sondern wurde
unmittelbar nach den tragischen Ereignissen von den Angestellten im Bundesbüro und dem
Exekutivkommitee der War Resisters League entworfen.
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Ergänzungen