Tagesbilanz Samstag 3.2.

Addi 02.02.2002 20:27 Themen: Militarismus
Trotz des Demoverbotes versammelten sich heute München mehrere tausend Demonstranten am Marienplatz, um friedlich gegen die Sicherheitskonferenz der Millitärstrategen zu protestieren. Meinungen aus der Bevölkerung und ein Bericht über das Tagesgeschehen.
München dürfte dieser Tage die sicherste Stadt Deutschlands sein. Wer sich hier in den Fussgängerzonen bewegen will, sollte ein alternatives Aussehen vermeiden. Ab 10 Uhr kontrollierte die Polizei sämtliche "links" aussehende PassantInnen, die sich in Richtung Marienplatz bewegten. Es folgten Personalienkontrollen, teilweise verstrickt mit blöden Fragen wie "Sind sie schon mal mit der Polizei in Kontakt gekommen?". Schon im Vorfeld sind einige Personen in Gewahrsam genommen worden, da sie ein "Gefahrenpotenzial" hätten. Direkt am Marienplatz hatte sich eine Polizeikette postiert, die nochmals kontrollierte. DIE Repressionsmassnahme des Tages war, alle "Versammlungen" über 3 Personen aufzulösen und die Leute zu verwarnen bzw. in Gewahrsam zu nehmen. Das war der Polizei aber ab spätestens 12 Uhr nicht mehr möglich, da sich der Marienplatz schlagartig füllte. Zu den Durchsuchungen meinte ein Beamter: "Wir suchen hauptsächlich nach mitgeführten gefährlichen Gegenständen". Diese seien "Waffen im technischen Sinne und andere gefährliche Gegenstände wie Messer, die häufig im Zusammenhang mit Landfriedensbrüchen auftreten.".
Währenddessen machen Passanten ihrem Unmut über die Polizeimassnahmen Luft: "Ich bin gestern hier angekommen, um eine Freundin zu besuchen und die Kontrollen, die hier durchgeführt werden, sind dermassen überzogen und hysterisch, das ist nicht mehr nachzuvollziehen!"
Ein Anderer regt sich über die hohe Präsenz von Zivibullen auf: "Du bist hier nicht mehr sicher, wenn du mit jemandem sprichst. Es kann ein Zivi sein, es kann sonstwer sein!. Der Westen hat das immer angeprangert, die Stasi und die ganzen Spitzel im Osten. Aber heute haben wir das volle Programm hier auch!"
Ein Ausbruch der (fast) nackten Gewalt wird von der Polizei schnell beendet. Fünf AktivistInnen in Unterwäsche rennen plötzlich auf den Platz und protestieren mit Sprüchen auf dem Rücken gegen die Nato. "Die Revolution muss sexy sein", "Die NAto kann mich hier" und "NAhTOd" ist dort zu lesen. SEhr ruppig werden die AktivistInnen in Gewahrsam genommen und abgefahren.
Das Medieninteresse ist gigantisch. Dutzende krawallgeile Medienvertreter tummeln sich auf dem Marienplatz. Immer mehr Transparente sind zu sehen. "Welcome in Babylon", "Get up, Stand up" und "Krieg ist Terror der Mächtigen". Die Bullen fordern über Lautsprecherwagen die Anwesenden auf, die "verbotene Versammlung" zu räumen. "Die Anwendung unmittelbaren Zwanges wird ihnen hiermit vorsorglich angedroht" Pfeifen und Johlen.
Nach einer Weile und der dritten Durchsage bilden die Bullen einen Kessel. Dieser wird irgendwann aufgelöst und Richtung "Tal" verlegt. Dort sind die Bullen so blöd, drei Autos dort stehen zu lassen. Diese werden bunt verziert und haben hìnterher keine Rückspiegel mehr. Eine ganze Zeit lang sieht es so aus, als ob die Polizei alle eingekesselten mitnehmen wollte. Ein Lautsprecherwagen fährt vor, den gekesselten Leuten wird erklärt, sie dürften den Platz Richtung Isartor verlassen. Gegen 16 Uhr verlassen die ersten Leute den Isartorkessel und zerstreuen sich in der Innenstadt. Einige ziehen zum Gewerkschaftshaus, andere versuchen, in Richtung des bayrischen Hofes zu kommen. Dort endet heute Abend die Sicherheitskonferenz. Noch immer ist rund um den Bayrischen Hof alles von der Polizei abgeriegelt.
Gegen 20.15 Uhr diskutieren moch vereinzelte Gruppen am Marienplatz mit den "Deeskalationskräften" der Polizei. Am Gewerkschaftshaus sind rund 300 Leute eingekesselt und rund 1000 Leute stehen drum herum. Laut dem Infotelefon werden gegen 20.30 Uhr Gefangenentransporter und Sixpax vorgefahren.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Demonstration gegen die Kriegstreiberei der Nato zu einer allgemeinen Demonstration für Grundrechte geworden ist. Obwohl noch alle Scheiben in der Münchener Innenstadt heil sind, hält die Polizei ihren unverhältnissmässig für gerechtfertigt. Die Bürger Münchens allerdings sind grösstenteils der Meinung, dass der Einsatz vollkommen unverhältnissmässig ist.
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Ergänzungen

Minigolf

Helmut 02.02.2002 - 20:52
Hallo,

ich habe heute nachmittag in der Münchener Innenstadt mit einem Polizisten gesprochen, der in einem Stoßtrupp zu ca. 10 Mann darauf wartete seine Befehle auszuführen. Auf meine Frage, ob ihm sein etwas aussergewöhnlicher Job gefalle erhielt ich die mit einem frechen Grinsen präsentierte Antwort, er wolle noch ein wenig "Minigolf" spielen, dann wäre sein Arbeitstag zu ende. Ob ich nicht auch mitspiele?

Spielt doch euer Minigolf in eurer Kaserne aber nicht mit uns!

Fotos vom Samstag

koarlmoik 02.02.2002 - 21:34

euphemistisch

Beobachterin 04.02.2002 - 02:43
Naja, der durchschnittliche Münchener sagte eher: "Schau dir diese Chaoten an, deppert sind die." Münchnerinnen waren meist so verschreckt, daß sie gar nichts gesagt haben. Das liegt wohl an der medialen Hetze, die vorher gelaufen ist: Chaoten wollen München in Schutt und Asche legen, Papa Bulle ist in Gefahr, und ähnliche Scheiße. Aber ein paar haben sich wirklich aufgeregt, sogar vor Kameras (leider wurde es nirgendwo gesendet), doch der Großteil hat nur gegafft, hoffend, daß endlich "die Chaoten" verprügelt werden.

otto-normal-(ohn)mächtig

le gris 08.02.2002 - 00:22
ich habe mich nicht zur demo getraut, ich hatte anderes in münchen zu tun-trotzdem ging das thema nicht an mir vorbei und als ich die zeitungen in diesen hübschen zeitungskästen las, ich hätte drauf spucken können, schreien können. das habe ich dann auch getan. und ich muss sagen, das erschreckendste war, egal ob ich nun im kaufhaus spontan "shoppen gegen nato!" oder auf der strasse "wir wollen den besten krieg, den besten den es je gab!" herausstiess, es waren diese zu 90 prozent völlig unbewegten, unverstehenden, fremden, ablehnenden, gestörten gesichter, die mir entgegentraten....wenige haben gelacht und ich bin euch so verdammt dankbar, dass es euch gibt, und häufig musst du doch selbst so stark sein, dass du sie alle aushälst, die sie einfach nur fest und ver-und geschlossen sind. ich wünsche mir, dass viel mehr leute ihr maul aufmachen in der öffentlichkeit, individuell und laut und frech und bunt und nicht nur auf der demo sondern egal wo, dass es ein thema ist, das uns bewegt, dass wir bewegt sind und bewegen. weil ottonormalkomisch wegguckt, ist diese macht polizei armada erst möglich für die, die das geil finden. aber sie sind nicht alleine......der schönste moment war eigentlich, als ich einem eingekaschten an der münchner freiheit, der im sixpack sass, einfach eine flasche wasser hineinreichen konnte. never alone......

mein bericht...

thomas ziegler 19.02.2002 - 00:42
findet sich im link...