Fahrt in eine andere Welt

Sebastian 04.06.2003 05:31 Themen: G8 Globalisierung
Bericht von Fahrt und Ankunft in Annemasse
Fahrt in eine andere Welt

Irgendwo in Deutschland: „Sonderzug nach Genf“ steht auf dem Anzeiger über dem Bahnsteig. Nach und nach trudeln meterhohe Rucksäcke samt ihren Trägern ein und bilden einen bunten Haufen. Ein Hauch von Pfadfinder-Ausflug und Abenteuer-Urlaub liegt in der Luft. Manch ein Spießbürger, der sich schon auf seinen heimischen Fernsehsessel freut, rümpft seine Nase beim Anblick dieser „Weltverbesserer“. Unter Gejohle rollt endlich der aus Berlin kommende Sonderzug in den Bahnhof ein. Wer als Unbeteiligter bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau gewusst hat, was der Grund für diesen reiselustigen Menschenauflauf ist, wird spätestens jetzt eingeweiht: Aus dem Fenster gehaltene Fahnen und Plakate sowie lautstarke Parolen und Lieder sind in ihrer Aussage unmissverständlich. Im Visier zahlreicher Foto- und Filmkameras wird der sonst so kalte und biedere Bahnsteig kurzer Hand in eine belebte Tanzfläche verwandelt; noch draußen auf dem Bahnhofsvorplatz kann man die Rhythmen der Trommeln vernehmen. Die herumstehenden Polizisten müssen derweil einsehen, dass es für sie nichts zu tun gibt. „Lagebericht: Innere Sicherheit derzeit nicht in Gefahr, Stimmung wie vor einem Fußballspiel – nur weitaus kreativer und kontrollierter.“ Als schließlich auch der letzte Neueinsteiger seine sieben Sachen in einem der Waggons verstaut hat, setzt sich der Protestzug wieder in Bewegung und rollt Richtung andere Welt.

Dass der Zug am frühen Morgen des 29. Mai nicht die Grenze zu einer anderen Welt, sondern lediglich zu einem anderen Land passiert hat, wissen die Zuginsassen, als sie von BGS und Schweizer Grenzwache näher unter die Lupe genommen werden. Bis auf die Tatsache, dass die Beamten kurz glaubten, sie seien einem potentiellen „11.September-Terroristen“ auf die Schliche gekommen, gibt es keinerlei Belästigungen zu vermelden. So kommt der Zug ungehindert an seinem Zielort Genf an, wo bereits Shuttle-Busse der städtischen Verkehrsgesellschaft auf ihn warten – allesamt geschmückt mit einem kleinen Pace-Fähnchen auf dem Dach! Mit den Erfahrungen und den Bildern von Genua in den Köpfen fällt es so mancher Person schwer, dem Braten zu trauen. Erst recht, als die Buskolonne am schweizerisch-französischen Grenzposten ohne ersichtlichen Grund zum Stehen kommt. Doch sogar ohne Passkontrolle kann es schließlich weitergehen. Eskortiert von französischen Motorrad-Polizisten, aber auch Zivileinheiten, gelangt der Tross zum Camp, ins sogenannte „intergalactic village“ bei Annemasse. Willkommen in einer anderen Welt!
Die Stadt Annemasse hat für akkurat gemähte Wiesen, Gehwege, sanitäre Einrichtungen, fließendes Wasser, Stromanschluss und Sani-Station gesorgt. Die Initiatoren des Camps für eine ausreichende Infrastruktur u.a von Küchen über Rechtsinfo bis Medienzelt. Vor der Kulisse des Mont Blanc (?, übrigens eines der vielen unbestätigten Gerüchte, die dieser Tage durch das Camp geisterten) gesellten sich bald zu den schon stehenden Zelten unzählige weitere hinzu. Aus der Perspektive der Militärhubschrauber, die immer wieder den Himmel über dem Camp kreuzten, muss es interessant sein, zu sehen, wie sich eine zuvor grüne Wiesenlandschaft in ein Meer aus bunten Farbflecken wandelt. Franzosen, Holländer, Deutsche und viele andere wohnen nun sozusagen unter einem Dach.
Der allgemeinen Müdigkeit zum Trotz machen sich noch am selben Tag Tausende auf, um sich dem Demonstrationszug Richtung Stadtkern von Annemasse anzuschließen. Die vielen verbarrikadierten Schaufenster vermitteln den Eindruck, als wäre die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt worden. Die Reaktion der Bürger, die winkend und grüßend am Straßenrand sowie an Fenstern und auf Balkonen stehen, aber auch die weitgehende Abstinenz der französischen Polizei relativieren diesen Anschein zum Glück wieder. Laut, bunt, international und friedlich zieht die Masse durch das anschauliche Annemasse. Lediglich als der Zug die städtische Polizeistation passiert, die überraschend martialisch geschützt ist, wird die Stimmung bei einigen Teilnehmern aggressiver. Ein weiterer Beweis dafür, wie sehr die Polizei durch übertriebene Präsenz eskalierend wirkt. Zufrieden ob der Ausdrucksstärke und der Friedlichkeit zieht es die Menschen nach der Demonstration schließlich zurück in ihre Camps.


Kommentar des Autors: Dieser Text vermittelt lediglich einen Eindruck von der Anfahrt und dem ersten Tag vor Ort - vor allem für Daheimgebliebene. Individuelle Beschreibungen der Folgetage würden aus meiner Sicht ein schiefes Bild abgeben. Während ich - abgesehen von dem unverhältnismäßigen und teilweise völlig unkontrollierten Tränengas- bzw. Schockgranaten-Beschuss bei der Blockadeaktion auf der Schnellstraße zwischen Evian und Annemasse - der Polizei eine relativ besonnene Vorgehensweise bescheinigen könnte (rein von dem, was ich mitbekommen habe), haben andere sehr viel bittere Erfahrungen machen müssen. Vor allem die Ereignisse in Genf bedürfen einer differenzierten Sichtweise. Friedliche Demonstrationen und ziviler Ungehorsam vs. blindwütiges Schaufenster-Zerdeppern und Kriegspielen von jugendlichen, Besonnenheit und Verhältnismäßigkeit beim Vorgehen der Polizei vs. ungerechtfertigtes Stürmen der L'Usine (besetztes Haus in Genf)und unverhältnismäßiges Rambotum vor allem ziviler Einheiten: Hier ein einheitliches Bild zu vermitteln, ist unmöglich.
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