Aktion gegen "Land der Ideen" Imagekampagne

Mike de Vries 23.07.2006 17:30 Themen: Antifa Bildung Kultur Medien
"Land der Ideen" - Kampagne gestört. Pokalverleihung verhindert. Am heutigen Sonntag sollte die Universität der Künste in Berlin (UdK) zum Ort der Ideen gekürt werden. Die Aktion "Orte der Ideen" ist Teil der Kampgagne "Deutschland - Land der Ideen", eine von der Bundesregierung und dem BDI initiierte Imagekampagne, zur Verbesserung des Investitionsklimas und der nationalen Stimmung.
Kurz nach Beginn der Veranstaltung, verdeckte eine Gruppe von Menschen die Bühne mit einem großen, schwarzen Transparent hinter dem der Präsident der Universität und die Werbeleute des Landes der Ideen verschwanden. Im Publikum bewegten sich Menschen mit Megaphonen, die unter anderem absurde Wortfetzen aus der Kampagne brüllten, die ZuschauerInnen aufforderten sich endlich zu freuen oder Deutschlandkritische Aussagen zum Besten gaben. Dazu verteilten AktivistInnen Flyer (siehe Unten). Zeitgleich fanden drei Menschen in der Eingangshalle der UdK Deutschland dermaßen zum Kotzen, dass sie sich in den Farben Schwarz-Rot-Gold erbrachen. Auf mysteriöse Weise verschwand in dem Durcheinander auch noch der Ideen-Pokal, der eigentlich in einem feierlichen Zeremoniell überreicht werden sollte.


Hier der Flyertext, der verteilt wurde:

------------------------------------
Walk Off..!!

Was könnte man eigentlich gegen eine Kampagne haben, die Positives hervorhebt, um Positives zu fördern? Nichts natürlich! Denn was gut ist, ist gut!

Mit dieser Logik operiert auch die Kampagne "Deutschland - Land der Ideen", die mit 3,5 Milliarden Kontakten weltweit weitreichenste deutsche Imagekampagne seit dem zweiten Weltkrieg. Als Public Private Partnership von Wirtschaft und Bundesregierung wirbt die Kampgane seit Anfang des Jahres für ein "sympathisches, weltoffenes und zukunftsfähiges Deutschland." Was also sollte man dagegen einzuwenden haben? Man zeigt ja nur, was alles gut ist in Deutschland und dadurch wird alles noch besser!

Bei einer Imagekampagne geht es um die positive Darstellung, bzw.Umdeutung der Realität, mit dem Ziel ein positives Bild zu erzeugen – in diesem Fall für das Ausland und für die deutsche Bevölkerung. Während das Ausland dazu gebracht werden soll, in Deutschland zu investieren, soll die Bevölkerung zu mehr Produktivität, einem positiven Einheitsgefühl und vor allem zur Akzeptanz rigider sozialpolitischer Einschnitte "angeregt" werden. Die Innen- und Außenwirkungen, die erzielt werden sollen, folgen also einer rein ökonomischen Logik.

So wird (gemäß dem orwellschen Motto Krieg ist Frieden) fleißig an einer Umdeutung der gegenwärtigen Umstände getüftelt. Was bisher schlechte Bezahlung hieß, nennt sich jetzt "Flexibilität der Löhne" (Sebastian Turner, Vorstandsvorsitzender von "Scholz & Friends", Werbeagentur der Kampagne).

Walk of ideas - public show room for german industry!

Ein Plastik-Bücherstapel am Bebelplatz, eine Station des "walk of ideas", besetzt den Ort der Bücherverbrennung neu mit einem Bild nationaler Innovationskraft.
Der damit von der Kampagne propagierte positive Bezug auf die Nation zeichnet sich v.a. dadurch aus, deutsche Geschichte punktuell auszublenden oder umzudeuten und dabei jede Kontinuität des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart zu negieren:
Stattdessen suggeriert die Kampagen eine Kontinuität positiver deutscher Geschichte; der deutsche Faschismus erscheint hierin nur als ein von außen kommendes Phänomen, das in dem Nichts verschwand, welches es scheinbar hervorbrachte.
Ganz nebenbei werden Deutschland-kritische Köpfe und ExilantInnen wie Arendt, Brecht, Einstein, Heine, Marx und Mann, für einen neuen "Kultur-Patriotismus" instrumentalisiert.

Invest in Germany! - sexistische Kackscheiße!

Im Ausland wirbt Claudia Schiffer, blond und blauäugig, nur in eine Nationalflagge gehüllt, um Investitionen in Deutschland
"Invest in Germany, boys!" raunt sie der männlich dominierten internationalen Wirtschaft zu.
Sexismus scheint im neuen Deutschlandbild mit seinem gesunden Party-otismus nicht zu stören. Schwarz rot geil eben.


Ort der Ideen - Weiße Wände

365 Orte der Ideen werden in diesem Jahr von der Kampagne ausgezeichnet. Auch die Marketingabteilung der UdK wollte mit dabei sein. Aber schon ein kurzer Blick auf die Realität dieses Ortes zeigt deutlich, dass auch die Orte der Ideen als Scheinbilder deutsche Normalität überlagern:
Die Protestaktion "Weiße Wände" der Fakultät für Bildende Kunst zeigt exemplarisch die Mißstände der deutschen Bildung: Interdisziplinarität ist mit den neu eingeführten BA-Studiengängen kaum noch möglich und durch "Eintrittspreise" ist die UdK kein öffentlicher Ort des kulturellen Lebens, wie die Kampagne behauptet.

Diese neunationalistische und sexistische Kampagne ist zum Kotzen. Wir sind nicht Deutschland und kein Humankapital für euren Standort. Den Pokal könnt ihr behalten.

------------------------------------------
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

.

. 23.07.2006 - 18:14
2 Sticker + Skalpell + 5 Minuten Zeit

Respekt: Kreativ, Kritisch, Fundiert....

(muss ausgefüllt werden) 23.07.2006 - 20:12
Super Aktion

Auf das es zukünftigm viele solcher kreativen und fundierten Aktionen gibt, dann Protest zum Widerstand wird und eine emazipatorische Gesellschaftsveränderung stattfindet!
 http://de.wikipedia.org/wiki/Emanzipation


.

Sebastian 24.07.2006 - 10:40
Hört sich nach einer guten, kreativen Aktion an. Respekt. Aber, Wieviele waren denn im Publikum? Auf den Fotos sieht das alles sehr klein und familiär aus. War Presse da? Gab es Medienecho?

Fragen über Fragen

Jan Sobottka 24.07.2006 - 11:28
... ich kam später und man raunte mir nur noch zu, dass es eine solche Aktion gegeben hatte (Kotze war echt!). Manch einer hätte halt vorher was gewusst ...
Die ganze UdK-Situation ist für Aussenstehende kaum zu durchschauen ...
Alle halten sich bedeckt .. so richtig erfährt man nichts ... oder bin ich uninformiert und habe wichtiges übersehen ...?

irgendwer

noch ein Skeptiker 25.07.2006 - 10:52
Genau das meine ich:

Es geht ja genau darum, dass die meisten Leute mit ihren Fahnen da, keinem anderen was tun! So schafft ihr es, Linke grundsätzlich in die Nische zu drängen. Allein schon durch eure ätzende Rechthaberei und Diffamierung von jedem, der eure verkürzte Weltsicht nicht teilt!

Einen Polizeistaat sehe ich auch nicht wirklich - zumindest nicht im Vergleich zu anderen Ländern. Es ist nämlich so, dass es uns hier ziemlich gut geht - trotz Hartz IV und allem! Also statt hier rumnerven lieber internationale Solidarität mit denen, denen es deutlich mieser geht! Dabei ruhig global denken - Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer etc., Lateinamerika...

Naja, solche Ausfälle mit Focus und NPD kommentiere ich nicht - ist ja echt unter meinem Niveau.

taz vom 25.Juli

. 25.07.2006 - 14:41


Sommer der Ideen - Zum Kotzen

Gegen zwölf Uhr haben sich etwa 50 Menschen auf dem sonnigen Uni-Innenhof versammelt. Es ist der "Alumni Tag", den die Universität der Künste (UdK) an diesem Sonntag feiert. In wenigen Minuten soll die UdK als "Ausgewählter Ort 2006" eine Auszeichnung erhalten: einen Preis, der im Rahmen der Kampagne "Deutschland - Land der Ideen" ausgelobt worden ist.
Bitte hier klicken !

Unipräsident Martin Rennert beginnt seine Festrede. Plötzlich wird es unruhig. AktivistInnen, die gegen den Preis demonstrieren, versperren mit einer Plane den Blick zur Bühne. Menschen mit Megafonen brüllen Wortfetzen aus der Kampagne, fordern die Anwesenden auf, sich zu freuen, und geben deutschlandkritische Slogans zum Besten. Andere verteilen Flugblätter, auf denen die von Bundesregierung und BDI initiierte Ideen-Kampagne als "neunationalistisch und sexistisch" gebasht wird - sehr wörtlich finden die AktivistInnen sie einfach zum Kotzen. Und tatsächlich zieht plötzlich übler Geruch herüber: Menschen erbrechen in Schwarz, Rot und Gold auf den weißen Fliesenboden.

"Die Veranstaltung ist aufgelöst", ruft eine Aktivistin. Professor Rennert versteht dies als Chance, fortfahren zu können. Sein Versuch misslingt - der Protest geht weiter. Ein Student erklärt in einer Diskussion, dass es unerträglich sei, dass auch "Deutschland-kritische Köpfe und ExilantInnen wie Arendt, Brecht, Einstein, Heine, Marx und Mann für einen neuen Kultur-Patriotismus instrumentalisiert" würden. Rennert tritt erneut ans Mikro, kündigt an, dass jetzt Musik folgt und sich die Preisverleihung verschiebt. Erst mal haben die AktivistInnen gewonnen. Im Trubel geht später unter, dass zusammen mit ihnen auch der Pokal verschwindet.

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 12 Kommentare an

Schön — begeistert

Teils, teils .... — Skeptiker

@ Skeptiker — Kosmopolit

Na klar ... — Skeptiker

Danke! — Muckel

@ skeptiker — ich

Neugierig — Tobias

?!?!? — Skeptiker

@skeptiker — hm

Nehmt es doch locker! — noch ein Skeptiker

@ noch ein Skeptiker — Irgendwer

Gaanz toll ! — Skeptiker