Besucherbetreuung bleibt!

<----aka----> 19.06.2008 17:48 Themen: Bildung Kultur Soziale Kämpfe
Am heutigen 19. Juni trafen sich um 8 Uhr morgens circa 50 Beschäftigte der „T&M Technik und Museum Marketing GmbH“ (T&M GmbH) vor dem „Deutschen Technikmuseum Berlin“ (DTMB) um erneut auf ihre akute Situation und die Entlassungswelle im Haus aufmerksam zu machen. Die Besucherbetreuer_Innen wollten dem ab 9 Uhr tagendem Stiftungsrat des Museums ihre Forderungen sowohl persönlich als auch künstlerisch näher bringen.
Bevor die Mitglieder des Stiftungsrat langsam eintrudelten, versammelten sich circa 50 Demonstranten vor dem Technikmuseum an der Ecke Trebbiner Straße Tempelhofer Ufer. In einer kleinen Performance wurden fünf stilisierte Grabsteine aufgestellt und davor Blumen abgelegt. Zwei trauernde Witwen beweinten bitterlich Engagement, Flexibilität, Qualität und Tausende Euro pro Woche. Begraben wurde die Besucherbetreuung im DTMB. Währenddessen wurden Passanten mit Informationsmaterial versorgt, die dieses interessiert annahmen.

Die Aktion nimmt Bezug auf die allmähliche Abwicklung der Besucherbetreuung durch den Geschäftsführer der T&M Dirk Böndel und seine Stellvertreter Markus Bretzel und Holger Steinle. Bis Herbst 2007 waren im DTMB circa 180 Besucherbetreuer_Innen beschäftigt. Die übliche – ebenfalls problematische Verlängerung der Verträge – im November wurde hektisch und willkürlich unterlassen. Vielmehr wurde ein Verlängerungs- und Einstellungsmoratorium verhängt. Die Beschäftigten wehrten sich und konstituierten einen Betriebsrat zur Durchsetzung ihrer Arbeitnehmerrechte und um die klagenden Beschäftigten zu unterstützen.

Ein vorläufiger Höhepunkt der Entlassungswelle war Ende März erreicht als circa 50 Besucherbetreuer_Innen auf einen Schlag entlassen wurden. Die dauerhafte Unterbesetzung verschärfte zusätzlich das Arbeitsklima. Der Einsatz von Angestellten der Sicherheitsfirma „Securitas“ verdrängte in einigen Museumsteilen schon damals die Besucherbetreuung und ersetzte sie durch reine Beaufsichtigung. Bei der Vergabe und Verlängerung des Auftrages an „Securitas“ kam es zu einigen Ungereimtheiten. Denn üblich ist für solch ein privatwirtschaftliches Engagement an öffentlich geförderten Institutionen eine europaweite Ausschreibung. Dies wurde jedoch von der Geschäftsleitung eigenmächtig übergangen. Es kann natürlich auch möglich sein, dass diese in Absprache mit den verantwortlichen öffentlichen Behörden – sprich dem Kultursenator und Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit – agierte.

Mit zunehmender Unterbesetzung stieg der Druck der Geschäftsführung von T&M auf ihre Beschäftigten. So wurde ein Kontaktverbot mit dem Sicherheitspersonal und gegenüber den Angestellten von „Securitas“ verhängt. Des Weiteren durften die Besucherbetreuer_Innen ganze Museumsgebäude nicht mehr betreten, für die nun „Securitas“ die volle Verantwortung übernahm. Den studentischen Beschäftigten von T&M wurde weiterhin angeboten zu „Securitas“ zu wechseln und damit alle ihre vorteilhafteren Konditionen bei der T&M aufzugeben. Vorher hätte natürlich eine selbst zu zahlende Schulung absolviert werden müssen.

Auf diese unerträgliche Situation galt es aufmerksam zu machen. Insbesondere weil, wenn der Stiftungsrat sich gegen die Besucherbetreuung innerhalb der T&M entscheiden würde, von den ehemals 180 Beschäftigten im Juli nur noch 30 übrig bleiben würden. Im November würde diese Zahl noch einmal halbiert um im Frühjahr 2009 endgültig aufgelöst zu sein. Aber schon jetzt und erst recht im Juli kann im Technikmuseum nicht mehr von einer qualifizierten Besucherbetreuung geredet werden.

Aufgrund der Unterbesetzung leidet aber auch das historische Inventar. Interaktive Exponate können nicht mehr genutzt werden, weil kein Personal da ist, diese in Betrieb zu nehmen. Vorführungen müssen abgesagt werden. Tourguides sind eine Mangelware. Touchscreens funktionieren zum großen Teil nicht mehr. Trotz dieser offensichtlichen Schäden an den Exponaten vermietet die Museumsleitung historische Museumsstücke, die sonst von Besuchern nicht besichtigt, geschweige den betreten werden dürfen, an Firmen für Betriebsfeiern. Zu diesen Anlässen wird das strikte Rauchverbot, das eigentlich dem Schutz der Exponate dienen soll, großzügig außer Kraft gesetzt. Aber die Herren Böndel, Bretzel und Steinle wissen natürlich sehr viel Besser wie mit musealem und menschlichem Material umgegangen werden darf! Schließlich sind sie Museums- und Geschäftsführung in einem, männlich menschlich verbunden als Könige ihres Technikreiches, uneingeschränkt waltend in ihrem fürstlichem Territorium zwischen Anhalter Bahnhof und Yorckstraße.

Diesem totalitärem Machogehabe wollen die Beschäftigten der T&M einen Strich durch die Rechnung machen. Sie fordern „ordnungsgemäße Arbeitsverträge, die Wieder- und Neueinstellung von Beschäftigten um die monatelange Unterbesetzung zu beenden, das Ende der Schikanen und die Wiederherstellung des Betriebsfriedens“. Im zweiten Schritt geht es um die Erhöhung der Bezüge, die mit 6 Euro ebenfalls nicht gerade üppig sind. Eines muss der Leitung des Museums unmissverständlich klar sein, so billig machen sie T&M nicht platt.

Besucherbetreuung bleibt!

Weitere Infos
Pressemitteilung des Betriebsrates der T&M GmbH
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Ergänzungen

Erhaltung des Museumsgutes

bhath 20.06.2008 - 21:14
Rauchen in den Ausstellungsräumen ist ja wohl noch das kleinere Übel. Auf dem (durch wüste Mauscheleien) vom Senat gekauften Gelände des Technikmuseums stehen noch so einige alte Gebäude. Das Wort "noch" ist hier zu unterstreichen und das Wort "Gebäude" etwas freier zu betrachten, denn wenn man sich die ehemaligen Güterschuppen des Anhalter Bahnhofes so ansieht, dann fehlen da schon einige Dächer...
Das wäre ja eigentlich schon schlimm genug, aber es kommt noch besser: DIE SCHUPPEN SIND NOCH VOLL! späht man durch die Türschlitze des ersten Schuppens so kann z.B. ein ausgestopftes Kamel erblicken, das auf einer Seite schon Moos ansetzt, weil der Schuppen ja kein Dach mehr besitzt. Ganz zu schweigen von den wunderschönen alten Vitrinen (vermutlich aus dem Bestand des Baumuseums) die da vor sich hingammeln. Was in den durchlöcherten Holzkisten noch für Schätze schlummern (und verwesen) kann und will man gar nicht wissen...
By the way: das DTMB hat KEIN GESAMTINVENTAR! Niemand weiß was das Museum besitzt und was (schon) nicht (mehr)...

isolierte kämpfe

joffi 22.06.2008 - 02:27
interessant ist es zu sehen, dass im musealen geammtkontext ja eigentlich der besucherservice sich als erfolgreicher für museen herausgestellt hat. das konzept des vergreisten wärters wird immer mehr überholt von dem meist jungen studentischen bildungsbürgertum, welches dem gast noch inhaltliche fragen zum jeweiligen thema beantworten kann. um so schwerer ist es zu verstehen, weswegen das technikmuseum diesen rückgewandten schritt geht. gibt es doch genug beispiele die belegen, wie ein fitter besucherservice die besucher abholen kann und somit auch die museenlandschaft attraktiver machen kannt, was im interesse eines solchen betriebst sein sollte.

ein weiterer punkt der mich zum rätseln bringt, ist der, dass weder die belegschaft des jüdischen museums berlin noch die des kommunikationsmuseums sich dafür interessiert und sich solidarisiert. ein eindrucksvolles zeichen der immanenten individualisierung im kulturbereich, vielleicht gerade durch den studentischen backround der dortigen belegschaft gefördert.

gibt es in diesen zwei museen eigentlich soetwas wie einen betriebsrat? ich meine zu wissen, dass in diesen zwei museen mit ähnichem servicekonzept dergleichen nicht vorhanden ist.
schade, schade

Solidarisch Kämpfen!

aka 23.06.2008 - 13:07
die verbreiterung des widerstandes gegen die prekarisierung und, im fall des technikmuseums, die totale abschaffung qualitativer gästebetreuung wäre sehr wünschenswert. wenn es in den beiden angesprochenen museen keine vertretung gibt, wäre es um so wichtiger sich zu vernetzen und erfahrungen auszutauschen. unterstützung im kampf ist auch immer gern gesehene...

der betriebsrat der T&M ist zu erreichen unter BesucherbetreuerInnen_DTMB - ät - gmx.de

Besucherbetreuung bleibt - endlich!

katinka 26.06.2008 - 14:22
Eine Vernetzung auf betriebrätlicher Ebene mit den anderen beiden angesprochenen Museen ist eine gute Idee, vor allem weil sich viele der Beschäftigten untereindander kennen und somit auch die vorherrschenden Umstände und eventuellen Probleme.

Der Betriebsrat der T&M konnte noch Ende vergangener Woche die gerichtliche Anfechtung gegen seine Wahl und Konstitution niederringen. Somit könnte er einen Vorbildcharakter für viele andere vorwiegend studentische Arbeitsplätze und Teilzeitbeschäftigte entwickeln.

Aber nicht nur die Situation des Betriebsrats konnte gesichert werden. Nach langen Monaten der "Überzeugungsarbeit" hat die Geschäftsführung der T&M erste Zugeständnisse eingeräumt und den ersten Schritt in Richtung einer "vertrauensvollen Zusammenarbeit" getan. Noch gestern haben vier weitere Besucherbetreuer_Innen ihre Prozesse vor dem Berliner Arbeitsgreicht gewonnen und ihr unbefristetes Arbeitsverhältnis zugesprochen bekommen. Heute erreicht einige Beschäftigte ein Anruf des Arbeitgebers mit der Zusage zu Vertragsverlängerungen. In den nächsten Tagen können die Beschäftigten, deren Arbeitsverträge am Montag ausgelaufen wären, eine Vertragsverlängerung unterschreiben!

Ein erster Schritt wurde getan. Es gibt endlich ein Erfolgserlebnis für die Besucherbetreuer_Innen und Besucher_Innen des Deutschen Technikmuseums Berlin!

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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Danke — m

guter Artikel — Berliner Hedonist