Bürgerkrieg in Georgien 1990-1993 - Hintergründe

HansMeier555 15.08.2008 00:11 Themen: Weltweit
Da heutige Qualitätsjournaille keine Hintergründe mehr recherchiert, habe ich nun selbst versucht, in meiner knappen Freizeit Hintergründe zu recherchieren und bin auf folgendes Buch gestoßen: Spartak Schidkow: Brosok maloj imperii, in russischer Sprache, erschienen 1996 in
Majkop, 376 S.
Es schildert politische Geschichte Georgiens von 1989 bis 1994 aus abchasischer Sicht. Es handelt sich um eine publizistische Darstellung ohne Quellenangaben und Literaturhinweise. Man kann davon ausgehen, daß der Autor seine Information der Presse und den Erzählungen von Augenzeugen entnahm. Die Schilderung ist faktengesättigt, der Tonfall um Neutralität bemüht.
Für die Objektivität der Darstellung kann ich nicht garantieren, doch mangels anderer Quellen halte ich die Wiedergabe längerer Passen (durch Kolportage und Zitat) für gerechtfertigt.
In den ersten Kapiteln schildert der Autor das Streben von Abchasen und Osseten nach Autonomierechten in der späten Sowjetunion und die ideologische Auseinandersetzung. Als sich der Zerfall der Sowjeutunion abzeichnete und sich die Perspektive einer georgischen Unabhängigheit auftat, gewann auch die Minderheitenfrage an Aktualität. Georgien wollte sich von der Sowjetunion lösen, die Abchasen und Osseten verlangten nach mehr Autonomie innerhalb Georgiens, andere, kleinere ethnische Gruppen gerieten unter Druck. Swiad Gamsachurdia (siehe Wikipedia) stieg zum Führer der georgischen Demokratiebewegung auf, sozusagen das georgische Äquivalent von Boris Jelzin.
Im Jahr 1990, in dem er durch demokratische Wahlen an die Macht der (formell immer noch sowjetischen, faktisch aber schon quasi-selbständigen) Republik Georgien gelangte, kam es bereits zu ersten „ethnischen Säuberungen“, die zunächst als „friedliche Umsiedlungen“ abgewickelt wurden, wie etwa im Fall der Avaren, die in den 1840er Jahren aus Dagestan nach Georgien eingewandert waren im Spätsommer und Herbst 1990:

„Gamsachurdia vertrat eine ... harte Linie und verlangte den Abbruch „illegaler Wohnbauten“; die lokale Verwaltung verfügte gehorsam, die Häuser einzureißen und und ließ unter Polizeischutz Bulldozer anrollen. Die Awaren warfen sich davor, um ihre Häuser zu verteidigen, es kam zu Prügeleien mit Stöcken und Steinen, die Polizei schoß in die Luft. Bald darauf blockierte die Kampfgruppe des Internationalen Helsinki Vereins ) den Ort Tivi und ließen nicht einmal mehr Brotlieferungen durch [Der Helsinki-Verein ist eine internationale Menschenrechtsorganisation - vgl. Wikipedia, HM555]. Die georgische Regierung erklärte, sie könne die Sicherheit der Awaren nicht länger garantieren. Grusinische Awaren fuhren nach Dagestan und baten ihre dortigen Landsleute, sie aufzunehmen, ihnen auf ihrem Land eine Siedlungsmöglichkeit zu geben; den Dagestanern gefiel diese Entwicklung überhaupt nicht – in der übervölkerten Republik...war nicht genug Siedlungsland. Es kam [in Dagestan, HM555] zu einer Welle der Empörung gegen die Politik Gamsachurdias, zugleich aber auch zu Ausschreitungen gegen die awarischen Flüchtlinge aus Georgien. Nachdem verschiedene politische Kräfte Gamsachurdia verurteilt hatten, erklärte er die Vorfälle [gegenüber einer Dagestanischen Delegation] mit juristischen Unklarheiten, dem Übereifer lokaler Behörden, etc. Doch es stand bereits fest, daß auch die Awaren das Schicksal der Duchoboren teilen würden [Eine andere Ethnie, die schon vor ihnen vertrieben worden war, HM555].
(S.81-82).

--- Auch in Südossetien spitzte sich die Lage zu. Die Südosseten hatten einseitig ihre Autonomie erklärt, was die georgische Regierung nicht anerkennen wollte. Die Südosseten hatten faktisch eine Selbstverwaltung eingerichtet, welche die georgische Regierung beseitigen will. Im Winter 1990/91 greift sie schließlich zur Gewalt:

„Im Winter 1990 waren in Südossetien bereits paramilitärische Gruppen [von Georgiern, HM555] aktiv, die Zchinwal mit einer de-fakto-Blockade umschlossen hielten. Sie kampierten in georgischen Dörfern rund um die Stadt und kaperten die Lastwagen mit Lebensmitteln, die sich der Stadt auf der Straße von Süden her näherten. Zu Neujahr hatte sich um Zchinwali bereits eine regelrechte Armee eingefunden und warteten nur noch auf den Befehl zur Eroberung der Stadt. Die ossetische Bevölkerung konnte nur noch auf die Inlandsstreitkräfte der Sowjetunion hoffen, die bis Anfang Januar die Lage in der Stadt kontrollierten. In der Stadt verbreiteten sich Gerüchte über das Eindringen von Untereinheiten georgischer Polizei. Die Osseten wußten, daß es sich bei den meisten faktisch nur um Paramilitärs in Polizeiuniform handelte, daß sich unter diesen viele freigelassene Zuchthäusler und Kriminelle befanden und daß die Stadt der vollen und unkontrollierten Macht dieser „Polizei“ übergeben werden sollte. Das wollten sie nicht zulassen.
Am 4. Januar begab sich die ossetische Bevölkerung, beunruhigt durch Gerüchte, auf die Straße und begann mit dem Barrikadenbau...
Als die sowjetischen Streitkräfte die in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar 1991 ihre Posten verlassen hatten und sich in ihre Kasernen zurückzogen, rückten einige tausend Polizisten und Paramilitärs ungehindert in Zchinwal ein. Doch ihre Aufgabe – die Stadt mit überwiegend ossetischer Bevölkerung vollständig unter Kontrolle zu bekommen – war nicht leicht. Während die Georgier strikti militärisch ein Verwaltungsgebäude nach dem anderen besetzten, die Gebietsverwaltung, die Post, die Bank, begannen die Osseten Widerstand zu leisten. In der Stadt kam es zu Schüssen, zunächst nur einzeln und zufällig; in den ersten vier Tagen starben zwei Georgier und vier Osseten, Dutzende wurden verletzt.
Die georgischen „Polizisten“ erwiesen sich als unkontrollierbar: Sie begannen, die Geschäfte zu plündern, die Verwaltungsgebäude zu demolieren, ebenso die Schulen, Theater, Auto- und Trolleybusse und die Bewohner der Stadt zu verhöhnen. Einige von diesen Georgiern waren echte Polizisten, die schon früher hier Dienst gehabt hatten, versuchten manchmal, ihre „Kollegen“ von Übergriffen abzuhalten, aber ohne Erfolg.
Es gelang den Georgiern nicht, die Stadt ganz unter Kontrolle zu nehmen, denn das ossetische Volksaufgebot hielt sich in den Vororten.... Den Osseten war es in den letzten Monaten geglückt, sich zu bewaffnen, und ihnen half auch die bessere Ortskenntnis.
Am 7. Januar 1991 befahl Gorbatschow, die georgische Polizei aus Zchinwali abzuziehen, wodurch er die Georgier nur noch zu mehr Agressivität aufstachelte, die darin eine „Einmischung des Imperiums in georgische Angelegenheiten“ erblickte.
Da sie verstanden hatten, daß nun der entscheidende Kampf um die Verteidigung der nationalen Souveränität begonnen hatte, leisteten die Osseten immer erbitterteren Widerstand. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Kampf gegen die georgische „Polizei“ an, die die von ihr besetzten Gebiete terrorisierte. ... Die Zahl der Toten und Verletzten stieg jeden Tag. In den Dörfern war längst echter Krieg ausgebrochen. Georgische bewaffnete Einheiten eroberten, plünderten und verbrannten ossetische Dörfer. Hunderte und tausende Menschen flüchteten nach Dschawa und weiter, ... nach Nordossetien – nach Russland.
Zur gleichen Zeit ... setzte die georgische Regierung ihre Anti-Moskau-Politik fort, stellte sich während der blutigen Vorfälle im Januar 1991 in Vilnius entschieden auf die Seite der Litauer, gab zu verstehen, auf welcher Seite Georgien im Kuweit-Krieg stehen würde. Daher verweigerten sich die Demokraten der ganzen Welt verweigerten der Vorstellung, daß die „ossetischen Separatisten“ im Recht sein könnten.
(S. 94-95).
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Ergänzungen

danke :)

als einfacher 15.08.2008 - 14:56
Man kann es nicht oft genug betonen und erwähnen, dass neben den ganzen geostrategisch ökonomischen Erwägungen bei dem Konflikt im Kaukasus eine Betrachtung fehlt, die erklärt, warum die ideologischen Muster heute religiös nationalistische Züge annahmen / annehmen und in separtistischen Bestrebungen ihr Ergebnis finden und fanden. Der völlige ökonomische Zusammenbruch der Sowjetunion traf den Kaukasus genauso schwer mit allen Folgen, die man heute direkt als Kriegsökonomie beobachten kann, an deren Oberfläche sich verschiedene politische Störmungen abwechseln. Grobatschows konzeptlose Politik, jenes "Macht was Ihr wollt", hat diese Ergebnisse gefördert statt sie zu vermeiden.

Von und mit welchen Mitteln überleben die Menschen heute in dieser Region und wovon ernähren sie sich ? Diese Frage stellt sich im Westen keiner.

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